Fliegender Edelstein

Anfang August brachten aufmerksame Patientenbesitzer einen exotischen Findling in unsere Praxis. Ein Eisvogelküken, voll befiedert aber noch flugunfähig. Eisvögel stehen unter Naturschutz und brüten normalerweise in bis zu einen Meter langen, röhrenartigen Höhlen. Diese graben sie in Gewässernähe in Steilufer, Sandabbrüche oder ähnliche Orte. Wenn die Jungen fast voll entwickelt sind, verlassen sie diese Höhlen, sind aber noch nicht in der Lage zu fliegen und sich selbst zu ernähren. Als sogenannte „Ästlinge“ werden sie noch eine Weile von ihren Eltern gefüttert und in der Fischjagt geschult. Leider kommt es immer wieder vor, dass diese Jungvögel von besorgten Menschen aufgenommen werden. Die vermeintliche „Rettung“ ist dann eher eine „Kindesentführung“ und bedeutet leider für die meisten Nahrungsspezialisten, so fressen Eisvögel zum Beispiel ausschließlich lebenden Süßwasserfisch bis zu einer Größe von 8 cm, den sicheren Tod.

Der Fundort unseres Schützlings war allerdings fast vor unserer Haustür im Gewerbegebiet – ein eher untypisches Brutrevier dieser Vögel. Dazu konnte er nur einen Flügel bewegen. Eventuell wurde er von einem anderen Raubtier, vielleicht einer Elster oder einer Katze, verschleppt und wieder verloren.
Die Wildtierauffangstationen in der Umgebung konnten den Vogel nicht übernehmen, da Sie vor allem nicht über die spezielle Nahrung verfügen. In einem nahe gelegenen Teich fanden wir dagegen ein Überangebot der benötigten kleinen Fische. Wir fingen also mit einer Senke einige Silberlinge und kleine Goldbarsche in der richtigen Größe. Zunächst hielten wir unseren „Iceman“, später stellte sich jedoch heraus, dass es ein Weibchen war, in einem engmaschigen Kleintierkäfig – Eisvögel sind Ausbruchstkünstler. Er musste 5-8 mal täglich gefangen und mit einem Fischchen gefüttert werden, eine für alle Beteiligten sehr stressige Prozedur. Nach einigen Tagen verbesserte sich tatsächlich die Beweglichkeit des lädierten Flügels und unser blaues Vögelchen lernte das Herumflattern, genauso wie den gezielten Einsatz seines harpunenartigen Schnabels. Der Zeitpunkt für einen Umzug in einen größeren Käfig schien gekommen. Diese Freiheit hatte aber auch den Nachteil, dass das Einfangen für die Zwangsfütterung umso schwieriger wurde. Wir wagten daher nach kurzer Zeit den Versuch und stellten in den Käfig eine flache Wasserschale mit einem Futterfisch. Instinktsicher stürzte sich unser Schützling auf die Schale, fing den Fisch, betäubte ihn mit einem gezielten Schlag auf einen Holzklotz und fraß ihn als hätte er nie etwas anderes getan.
Unsere Bemühungen, eine professionelle Wildtierauffangstation für unseren Eisvogel zu finden, zerschlugen sich zu dieser Zeit vollständig. Da er aber gleichzeitig immer besser fliegen lernte und sich sicher selbst ernährte, entschlossen wir uns ihn auszuwildern. Am nächsten Samstag erhielt er morgens seinen letzten Fisch und wurde ein letztes Mal gefangen. Seine extreme natürliche Scheu vor Menschen machte diese Maßnahmen nicht einfach, war aber Grundvoraussetzung für ein Überleben in der Natur. Wir verfrachteten ihn zum Transport in einen kleinen Karton und brachten ihn zu dem Teich, aus dem wir auch seine Futterfische fingen und der als Eisvogelrevier bekannt ist. An einem von Röhricht gesäumten Ufer öffneten wir den Karton und unser Eisvogel flatterte ohne zu zögern über das Wasser davon. Anfangs schien er noch Probleme zu haben sich in der Luft zu halten. Nach wenigen Metern gewann er aber an Höhe und landete sicher im Gebüsch des gegenüberliegenden Ufers.
In den folgenden Tagen  hielten wir an dieser Stelle Ausschau und konnten tatsächlich mehrmals einen türkisblauen Eisvogel fliegen sehen oder hörten seinen typischen Ruf. Die Sichtungen wurden später seltener aber wir sind uns sicher, dass es unserem fliegenden Edelstein gut geht. Sollten Sie also auf Ihrem nächsten Spaziergang oder Fahrradtour einen Eisvogel sehen, könnte es unser Pflegekind sein.   

 
 
 
 
 
 

Dr. H. Thierbach und S. Wanschura

Kleintierpraxis Nordhorn